Trading Psychologie, das Unterbewusstsein nutzen
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Erfolgreicher Traden mithilfe des Unterbewusstseins

Es ist 10. Juli 2014. Kurz vor dem Schlafengehen sehe ich noch ein mal die zuvor ausgesuchten Charts durch. Ich mache kurze Notizen in meinem Tradingstagebuch. Ich bereite mich auf den morgigen Tag vor und plane Trades. Die Charts auf meiner Liste sind alphabetisch geordnet.

 

Amazon Trade
Amazon Plan

Ich denke gar nicht nach, blitzschnell sieht mein Auge, wohin meine Long-Order eingestellt werden muss. Doch ich stelle die Order noch nicht ein, ich zeichne ledigleich eine grüne Linie für die Long-Order und eine rote Linie für den Initialstop. Die Oder will ich morgen einstellen. Schnell bin ich mit der Chart-Liste fertig und gehe zufrieden zu Bett.

Es ist 11. Juli 2014. Amazon Com – der erste Chart auf meiner Liste. Ich wollte die Long-Order einstellen. Das dauert nicht lange, nur ein Paar Sekunden. Aber anstatt das zu machen, fange ich an, den Chart genauer zu betrachten. Ich skaliere den Charts anders, ich fange an zu interpretieren, ich suche Einwände, ich fange an, mein eigentlich geübtes Auge anzuzweifeln. Die Long-Order wird nicht eingestellt. Das war ein Fehler, denn mein Auge hat mich nicht getäuscht.

 

Amazon ChartMoment! War das mein Auge?

Ich fange an zu überlegen, weshalb ich in diese Selbstkrise hineingeraten bin?

Und ich frage mich laut: „Welche Geheimnisse hat mein Gehirn vor mir?“

Ich bin kein Neurologe, aber ich weiß, dass 90 % von dem, was Menschen denken und wie sie handeln, unbewusst geschieht. Das heißt, man weiß gar nicht, dass man etwas denkt oder tut. Tatsächlich funktioniert fast alles, was uns gut bekannt ist, im sogenannten Automatik-Modus. Würden wir versuchen die Kontrolle über alles, was wir unbewusst machen, dem Bewusstsein zu übergeben, würde dieses augenblicklich kollabieren. Als Experiment, versuchen Sie bewusst zu zwinkern, die Atmung zu konrollieren und dabei zu lesen. Schwierige Aufgabe, nicht wahr? Das liegt daran, dass das Bewusstsein nur etwa 4-5 Informationseinheiten gleichzeitig verarbeiten kann.

Entwicklungstechnisch ist das Bewusstsein (sitzt in der Großhirnrinde) das jungste Areal in unserem Hirn. Und in der Verschaltungshierarchie kommt es nach allen anderen Hirnregionen.

 

Das Unterbewusstsein im Trading

Zurück zum Trading. Was ist der wichtigste Informationsinput eines Traders? Die visuelle Wahrnehmung? Ich denke nicht, dass es so einfach ist. Unsere visuelle Wahrnehmung ist weitaus schlechter, als wir selbst annehmen. Laut Stephen Macknik vom Barrow Neurological Institute in Phoenix, von dem, was einen Meter von uns liegt, sehen wir nur einen kleinen Bruchteil wirklich scharf und dieser Bruchteil ist etwa so groß wie ein Daumennagel. Und all das, was das Auge nicht scharf sieht, reimt sich das Gehirn irgendwie selbst zusammen, weil das schneller geht. Was heißt das? Das Gedächtniszentrum im Gehirn übernimmt also einen Teil der Realitätswahrnehmung.

Ein Tradingsanfänger und ein Profi-Trader sehen denselben Chart mit verschiedenen Augen. Immer wieder muss der Tradingsanfänger die Charts bewusst studieren, immer wieder macht er Fehler. Ähnlich wie ein Fahrschüler erst die Handhabung eines Autos erlernen muss. Nach endlosen Wiederholungen brennen sich die Chartmuster in Gehirn des Traders ein – es bildet sich ein Netzwerk aus Zellen, deren Aufgabe einzig darin besteht, automatisch passende Muster zu erkennen und so Charts zu lesen. So sieht der fortgeschrittene Trader flüchtig viele Kleinigkeiten nur unbewusst: sein Blick streift flüchtig über den Chart, die Information wird an den Thalamus weitergeleitet und der entscheidet in wenigen Millisekunden.

Das Bewusstsein wird mit diesen Kleinigkeiten gar nicht erst belästigt, weil das Unterbewusstsein alle eingehenden Informationen nach Wichtigkeit filtert. Nach diesem Prinzip steuert das Unterbewusstsein 90 % unseres Lebens. Hinzu kommt, dass wir so „verdrahtet“ sind, dass unser Beweusstsein alle unbewussten Einflüsse leugnet. Was ist also das wichtigste Sinnesorgan eines Traders? Die Antwort ist: das Gedächtnis!

Unser Gehirn sichert uns unser Überleben, denn das Unterbewusstsein bändigt die Flut von Informationen, die sekündlich auf uns einprasseln, indem es die relevanten Aspekte heraus filtert. Einige Experte schätzen, dass das Unterbewusstsein mit seiner enormen Rechenleistung 200.000 mal mehr Daten gleichzeitig verarbeiten kann als das Bewusstsein.

 

Das Unterbewusstsein ist schneller und zuverlässiger

Zurück zu meinem nicht stattgefundenen Amazon-Trade. Jetzt weiß ich, dass bei dem ersten Blick auf den Chart mein Unterbewusstsein binnen Millisekunden die Entscheidung getroffen hat, die Order einzustellen und vor allem wo die Order eingestellt werden soll. Morgen früh habe ich die Kontrolle meinem Bewusstsein übergeben, das die Situation noch ein mal analysiert und interpretiert, Zweifel bekommen und ein Veto eingelegt hat. Wir haben aber nicht vergessen, was ich oben über die die Rechenleistung vom Unterbewusstsein geschrieben habe, nicht wahr? Was ist nun? Welche Schlüsse ziehe ich daraus?

Das Unterbewusstsein ist nicht nur unglaublich einflussreich, sondern in vielen Fällen auch verlässlich. Unser Unterbewusstsein arbeitet besser und trifft bessere Entscheidungen als unser Bewusstsein. Das vollautomatische System hat sich ganz einfach bewährt. Das Unterbewusstsein ist einfach besser darin, die relative Wichtigkeit verschiedener Faktoren zu beurteilen.

Was passiert, wenn ein Mensch seinem vollautomatischen System bewusst gegensteuern würde? Stellen wir uns einen Tischtennis-Spieler vor, der versuchen würde, seine Spielbewegungen zu 100 % bewusst wahrzunehmen und zu kontrollieren. Dadurch würde er sich selbst behindern und seine Bewegungen wären unkoordiniert.

Ähnlich beim Trading. Dadurch, dass ich die volle Kontrolle meinem Bewusstsein übergeben habe, hat mein Großhirn angefangen, dem eigentlich vollautomatischen Prozess dazwischen zu funken. Mein präfrontaler Cortex empfing unterschiedliche Signale und war verwirrt. Zweifel und falsche Entscheidung sind die Folge.

Es wird immer wieder Situationen geben, in denen wir Fehlleistungen unseres Unterbewusstsein akzeptieren müssen, aber es ist durchaus möglich, die Entscheidungsfähigkeit des Gehirns zu trainieren und Schritt für Schritt zu verbessern.

Autorin: Alexandra Ch

 

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